Geschichten über Anton
Wer ist Anton?
Wie alles begann
Anfang Mai 1997 kam unser Nachbar Müller mit einem Karton zu uns. Darin kuschelten sich drei junge Vögel eng aneinander.
Ob wir denn nicht eine Dohle aufziehen möchten, die ihre Eltern verloren hat? Viel Arbeit und Zeit müßten wir nicht aufwenden und schließlich würden wir ja auch sehr viel Freude an diesem kleinen Wesen haben. Jetzt, nach all den Jahren, kann ich sagen, daß Letzteres in jedem Fall überwiegt.
Im Gegensatz zu den übrigen Rabenvögeln sind Dohlen reine Höhlenbrüter. Die Eltern dieser drei Vogelkinder hatten daher ihr Nest in den Schornstein eines alten Hauses gebaut, das jedoch abgerissen werden sollte.
Die kleinen Vögel waren etwa 12 Tage alt. Sie hatten blaue Augen und einen gelben Rand um ihre verhältnismäßig riesigen Schnäbel. Die Federn steckten noch in kleinen Schutzhülsen, die wie Gräten aus der ansonsten nackten rosafarbenen Haut ragten. Schön waren die kleinen Piepmätze wirklich nicht, aber sooo rührend hilflos.
Warum wir uns damals gerade für diese Dohle entschieden, kann ich heute nicht mehr sagen. Vielleicht, weil sie am lautesten schrie? Oder war es Liebe auf den ersten Blick?
Jedenfalls bekam dieser kleine Vogel den Namen Anton, obwohl wir damals keine Ahnung hatten, ob es sich um ein Weibchen oder Männchen handelte. Heute wissen wir, daß diese intuitive Namensgebung richtig war.
Mein Mann Michael und ich wohnen auf dem Lande. Unser Haus steht auf einem großen Grundstück mit vielen Bäumen und Büschen, so daß Anton hier fast naturnah aufwachsen konnte.
Michael beschäftigte sich als Techniker beruflich mit der Raumfahrt und ich bin Malerin. Da lag es nahe, daß Anton zunächst in einem kleinen Pappkarton mit Papierschnipseln in meinem Atelier wohnte. Ich fütterte ihn mit in Wasser eingeweichtem Trockenfutter für Katzen. Laut Herrn Müller enthält dieses Futter alle wichtigen Nährstoffe, die ein junger Vogel braucht. Also stopfte ich es in regel-mäßigen Abständen mit einer Pinzette in den weit aufgerissenen Schnabel dieses kleinen Kerls. Ich hatte damals den Eindruck, Anton besteht eigentlich nur aus Schnabel. In den kurzen Zeiten, in denen er satt war, schlief er. Unbeschreiblich das Gefühl, wenn Anton sich schutzsuchend an meine Hand kuschelte.
Bereits nach wenigen Tagen mußte ich einen wichtigen Termin ca. 440 km entfernt von Worpswede wahrnehmen. Was jetzt? Michael hatte keine Zeit, sich um unseren kleinen Zögling zu kümmern, denn er bekam keinen Urlaub.
Also wurde Anton in einem mit Papierschnipseln ausgepolsterten Pappkarton auf den Boden vor den Beifahrersitz meines Autos gestellt und los ging die Fahrt. Ich hatte den Vogel so in seinen Karton hineingesetzt, daß er mich sehen und bei den Fahrmanövern nicht hin- und herrutschen konnte. Immer, wenn Anton Hunger hatte, machte er durch sein damals noch zartes Stimmchen auf sich aufmerksam. Ich steuerte dann den nächsten Rastplatz an, um ihn zu füttern.
Aufgrund dieser regelmäßigen Pausen dauerte die Fahrt zwar ungewöhnlich lange, aber auf diese Weise haben Anton und ich unseren Ausflug ganz gut überstanden.
Wieder zu Hause, zog Anton in ein gemütliches Körbchen um, mit einem kuscheligen Nest aus Heu.
Nach und nach wurde aus dem kleinen Nackedei ein Federknäuel.
Bei schönem Wetter nahm ich Anton mit in den Garten. Hier war er an der frischen Luft und konnte mir Gesellschaft leisten. Es sah ulkig aus, wie Anton durch das Gras stakste, oder zwischen den Bodendeckern verschwand. An der Bewegung der oberen Blätter konnte ich dann erkennen, wo er sich gerade befand.
Eines Tages saß Anton auf dem Rand seines Körbchens. Damit er nicht im Atelier herumturnte und sich eventuell verletzte, stellten wir daraufhin den Korb in einen Karton mit hohen Seitenteilen. Jetzt wurde es offensichtlich Zeit, daß Anton fliegen lernte. Aber wie sollte ich es ihm beibringen?
Michaels Vorschlag, ich solle doch vom Balkon springen und mit den Armen wedeln, fand ich gar nicht so witzig. Also stellte ich Anton samt Körbchen auf den Rasen und lockte ihn aus kurzer Entfernung, indem ich mit der Hand auf das Gras klopfte und seinen Namen rief.
Ich war stolz und glücklich, als er ca. einen Meter auf mich zuflog.
Von da an war der Faden gerissen. Anton schaffte zunächst die Entfernung vom Gartentisch auf die Stuhllehne und dann auf meine Sonnenliege, wo wir es uns anschließend beide gemütlich machten.
Die Flugstrecken wurden immer länger und jetzt begannen die ersten Sorgen. Wohin mit Anton? Im Atelier konnte er aufgrund seiner Flugkünste nicht mehr bleiben und schließlich sollte er ja so natürlich wie möglich aufwachsen. Ihn von heute auf morgen im Freien aussetzen!? Nein, er mußte erst älter und erfahrener werden, um sich vor Katzen und anderen Gefahren schützen zu lernen. Eine Voliere auf dem Balkon? Die könnte aus Platzgründen nicht groß genug gebaut werden.
Das Gewächshaus! Darin wuchsen Tomaten, Gurken und Paprika. Hier konnte Anton zunächst nachts bleiben. Diese vorübergehende Lösung wurde zur festen Einrichtung. Anton hat hier mittlerweile seit 5 Jahren seinen Schlafplatz.
Michael versah das Gewächshaus mit einer Ein- bzw. Ausflugklappe, die wegen der Katzen verschlossen werden konnte. Aus alten Ästen baute er Kletterbäume und eine Schaukelstange. Das vertraute Körbchen stellten wir dann samt Anton auf einen Tisch.
Aber der wollte nicht allein bleiben. Immer wenn ich mich in Richtung Tür bewegte, um das Gewächshaus zu verlassen, flog er auf meine Schulter. Da war guter Rat teuer.
Ich setzte ihn dann auf seine Schaukelstange und streichelte ihn im wahrsten Sinne des Wortes in den Schlaf. Es klingt wirklich albern, aber es war so. Wenn er das Köpfchen zum Schlafen unter seinen Flügel steckte, habe ich mich aus dem Gewächshaus geschlichen.
Es kam vor, daß Anton wieder wach wurde, dann begann die ganze Prozedur von vorn. So ging das einige Tage, bis er sein neues Heim dann doch akzeptiert hat.
Einflugklappe zu Antons Schlafplatz im Gewächshaus.
Mai 2011 - Anton ist jetzt 14 Jahre alt.
Er schläft nachts immer noch im Gewächshaus. Vor sechs Jahren haben wir eine große Voliere angebaut, versehen mit Rasen, Kletterstangen und einem kleinen Kirschbaum. Beide Gebäude sind Antons "Eigentum". Fremde dürfen es nicht ungestraft betreten.
Anton fliegt nicht mehr wie früher die großen Runden, sondern hält sich gern in unserer Nähe auf oder besucht seinen Freund Müller von gegenüber.
Damit in unserem Wintergarten bei kaltem oder schlechtem Wetter die Tür nicht immer offen steht, hat Michael für Anton in 2 Meter Höhe ein Einflug-Loch mit einer kleinen Schwing-Tür eingebaut. Man glaubt es kaum, aber unser Vogel hat sehr schnell gelernt, wie diese "Katzenklappe für Vögel" funktioniert. Nun schlüpft er nach Belieben in unser Wohnhaus und verläßt es auch auf diesem Weg.




