Presse

Wümme-Zeitung - 03. August 2004


Bericht von: Ute Löwenstein-Wagner

Anton - ein Meister Klecks im Atelier

Zahme Dohle ist aus Sabine und Michael Böhmes Leben nicht mehr wegzudenken

Anton isst Mehlwürmer. Aber auch Fleischsalat. Und Anton klaut. Lockenwickler, Spezialschrauben, Autoschlüssel, kleine Schildkröten, Geldscheine aus dem Portmonee. Was ihm eben unterkommt. Aber er kennt keine Schuldgefühle. Dabei ist Anton kein "schräger Vogel". Anton ist eine zahme Dohle.

Die erste Begegnung verläuft vergleichsweise harmlos. Als könne ihn kein Wässerchen trüben, stakst Anton über den Rasen der Familie Böhme in der Rabienstraße. Er guckt kurz hoch, als ein fremder Schritt sich der Terrasse nähert. Ruft sein metallisches "kja". Kurze Zeit später landet Anton aus vollem Flug auf der Schulter der Hausherrin. Logisch. Erstens steht Obsttorte auf dem Tisch, zweitens sind Dohlen außerordentlich neugierig.

Noch lässt sich in den Augen der Dohle erkennen, dass sie einmal stahlblau gewesen sind. Das war vor sieben Jahren, als der vogelkundige Joachim Müller den Nachbarn von gegenüber einen Karton mit noch fast nackten Vogelweisen vor die Nase stellte, die sich aneinander kuschelten, und sagte: "Wollt ihr nicht eines davon aufziehen?"
Welches Herz kann da hart bleiben? Michael und Sabine Böhme hatten damals spontan auf Anton gedeutet, wie sie ihn tauften, und er sei beileibe nicht der niedlichste gewesen.

Warum also gerade diese Dohle? "Vielleicht, weil sie am lautesten schrie", würde die Malerin später in einem kleinen Büchlein schreiben, das sie im Selbstverlag herausgegeben hat. Egal. Von dem Tag an jedenfalls wurde der Vogelfratz mit dem großen Schnabel "ihr Kind".

"Ihr Kind" kackt Sabine Böhme auf die Schulter, während sie den Kaffee ein-schenkt. Sie nimmt es gelassen. Auch, dass er hin und wieder auf ihre Hände einhackt. Oder auf rot lackierte Fußnägel. Es sieht offensichtlich schmerzhafter aus, als es ist. Den Kopf kraulen darf sie ihm. Das mögen Dohlen auch von ihren natürlichen Partnern. Denn Anton hat, da grüßen Konrad Lorenz und seine Gänse, Sabine Böhme frühzeitig zu seiner Partnerin erkoren. Den schwarzfedrigen, lila beringten Nebenbuhler muss Ehemann Michael jetzt aushalten: Bei den Dohlen hält die Liebe ein Leben lang und auch nach vielen Jahren gehen die Partner noch zärtlich mit-einander um. Michael Böhme bleibt die Rolle des Kumpels. Kreisen Greifvögel überm Haus oder lauert eine Katze, dann ist seine Hilfe gefragt.

Eigentlich gehören Dohlen nicht in Menschenhand. Und eigentlich hatten die Böhmes Anton wieder auswildern wollen. Aber Pustekuchen. Dohle Anton erweiterte mit zu nehmendem Alter zwar seinen Aktionsradius, ließ sich jedoch nicht einfach wieder in Freiheit abschieben. Er blieb. Seine ureigensten Instinkte aber hat er trotz Familienanschluss bei den Böhmes beibehalten. Den Trieb, Nistplätze zu bauen, zum Beispiel. Anders als in der Natur, wo beide Partner Material heranschaffen, muss Anton sich jedes Mal alleine um die Einrichtung der Bruthöhle im Gewächshaus mit vor geschalteter Voliere kümmern. Hausherr Böhme hat es selbstlos geopfert.

Ein Leben ohne das quirlige, hochintelligente Kerlchen kann sich das Ehepaar kaum mehr vorstellen. "Er ist wie ein Hund mit Flügeln", sagt Sabine Böhme. Schläft seinen Mittagsschlaf auf ihren Knien, duscht am liebsten unter dem Strahl der Gießkanne, fährt gerne Schubkarre, ist bei der Gartenarbeit immer mit dem Schnabel dazwischen, bekleckst sich in ihrem Atelier mit Farbe.
Liebenswert sei die Dohle, sind sich Böhmes und Nachbar Müller einig. Nur, als die Fotografin die Kamera in seine Richtung hebt, wird Anton fuchtig. Spreizt drohend seine Flügel, reckt sich zu voller Größe und stößt markerschütternde Rufe aus, die wie "tjack" klingen. Rangordnung ist Rangordnung und da sollen diese schwarz-grauen Objektive erst gar keinen Stich kriegen.

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